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ANGST IV

VII

Der Aufprall war zu heftig für die aufheulenden Servomotoren und zerschmetterte Norehcas linke Schulter. Das Kettenschwert sägte quer über den Brustkorb des Liktoren, bevor es ihm schließlich entglitt. Eine bunte Fontäne aus Haut und Fleisch erfüllte den Raum. Beide Kontrahenten gingen zu Boden. Doch der Liktor war schneller. Er war sofort über ihm. Norehca reagierte sofort und griff mit der Hand des unverletzten Arms an seinen Gürtel,...
und löste eine weitere Granate.
Die schleimigen Maultentakel seines Todfeinds tropften ihm ins Gesicht. Hasserfüllt zündete er die Sprengladung und röchelte: "Mein Leben... für deinen TOD!"
Sergeant Norehca umklammerte die Granate fest und presste sie auf den imperialen Adler auf seiner Brust, ein leises Gebet anstimmend. Ein Sekundenbruchteil später wurde sein Kopf von rasiermesserscharfen Klauen zermalmt. Die Sprenggranate zerfetzte daraufhin den geköpften Körper des Space Marines und schleuderte den Liktor gegen die Wand. Knochen brachen, Organe zerplatzten.

Die Druckwelle erschütterte den gesamten Korridor und holte Yelpir zurück in die Realität. Schaudernd blickte er den finsteren Gang zurück und sah wie der zerfledderte Körper des Liktoren inmitten der niedersenkenden Staubwolke an der Wand, an der er zerschellt war, herunterrutschte und wie eine Theaterpuppe, bei der man unvermittelt die Fäden abschneidet, in sich zusammenklappte. Auf der Wand hinterließ er einen dunklen klebrigen Fleck.
Yelpir atmete tief durch.
Langsam richtete er sich wieder auf. Jede einzelne Faser seines Körpers schrie vor Schmerz. Die erste Erkenntnis traf ihn dann wie ein Schlag. Er war allein. Der letzte Überlebende. Die zweite Erkenntnis folgte nur einen kurzen Moment später, doch sie durchbohrte seinen Verstand wie eine glühende Klinge. Er war nicht allein. Der oder die Mörder von Sergeant Trebmals Trupp waren noch immer an Bord...
Ein Gefühl, das ihn zu verfolgen schien, machte sich wieder bemerkbar. Er spürte wieder das Kribbeln einer Gänsehaut, und es fuhr ihm eiskalt den Rücken hinunter. Yelpir wandte sich von dem schrecklichen Blutbad ab und schaute in das diffuse Innere der Kommandobrücke. Nur wenige Meter entfernt hob sich eine menschliche Gestalt aus der Umgebung ab, denn sie war noch schwärzer als die Sternenleere, die durch die Ausblicksfenster zu sehen war. In ihrem ausgestreckten Arm hatte sie etwas auf ihn gerichtet. Yelpir blickte in das Angesicht seines Gegenübers. Es war die Totenmaske. Sie brüllte ihn an. Ein roter Lichtreflex legte sich auf Yelpirs Körper, als der Ziellaser auf ihn ausgerichtet wurde...

Ein lautes Geräusch ertönte, doch es war nicht der tödliche Schuss, den Yelpir erwartet hatte. Es kam aus dem Korridor. Ungeachtet seines baldigen Todes wagte er einen kurzen Blick nach hinten. Er konnte es nicht glauben. Der Liktor erhob sich wieder, alle Regeln der Vernunft und Logik widerlegend. Und als ob er seiner Lebendigkeit zusätzlichen Ausdruck verleihen wollte, rannte er mit lautem Gekreische, so schnell es ihm die lädierten Beine erlaubten, direkt auf sie zu. Es war ein Alptraum.
Doch er sollte jäh beendet werden, als Yelpir eine Kugel in den Bauch traf. Warmes Blut quell heraus und er ging erlöst zu Boden. Die Angst wich aus seinem Körper.

Der Vindicare Assassine steckte seine Pistole ein und legte sein Exitus-Scharfschützengewehr an. Die anstürmende Bestie war genau im Fadenkreuz. Der Assassine drückte ab. Lautlos verließ das tödliche Geschoss den langen Lauf der Waffe und flog auf sein Ziel zu,... und verfehlte den Kopf des Liktoren nur knapp. Trotz seines restlos zertrümmerten Körpers war es dem Liktor irgendwie gelungen dem Schuss auszuweichen. Der Schütze keuchte verblüfft auf und legte kurzentschlossen ein weiteres Mal an.

Während er verblutete, wurde Yelpir bewusstlos und fiel erneut in einen dämmrigen Traum. Müde schleppte er sich in die Höhle hinein. Die Angst war ihm verflogen. Die letzte Hürde überwunden. Und dort drinnen, tief in der letzten Kammer, sah er ein helles Licht. Und als er nähertrat, sah er einen erleuchteten Raum. Es war die Kommandobrücke. Dort sah er auch sich selbst an der Zentralkonsole sitzen. Die schwarze Gestalt mit der Totenmaske stand neben ihm. Und er erinnerte sich wieder.

Beim zweiten Schuss waren die Reflexe des Liktoren zu langsam und seine rechte Hüfte wurde vom einschlagenden Geschoss pulverisiert, so dass er im vollen Lauf eines seiner Beine verlor. Die Kreatur wurde aus ihrer Bahn geschleudert und flog in einem hohen Bogen durch den Korridor. Mit einem dumpfen Knall schlug sie wieder auf den Boden auf und schlitterte noch einige Meter weiter. Wie bei einer zertretenen Spinne ragten die Gliedmaßen des gefällten Monstrums in grotesken Winkeln in die Höhe und zuckten wie wild. Der Kopf schien verwirrt auf die verbogenen und nicht mehr gehorchenden Körperteile zu schauen.

Es war, als ob er endlich aus einem langen und tiefen Schlaf erwacht sei. Yelpirs Erinnerungen spielten sich wieder vor seinem schwindenden Geiste ab und gewannen an Farbe und Klang.
Er war auf der Flucht. ES war ihm dicht auf den Fersen. Noch bevor er den von ihm geschaffenen Zugang zu der Wartungsröhre erreicht hatte, wurde er eingeholt und von seinem Verfolger überwältigt. Ein harter Schlag traf sein Genick und raubte ihm die Sinne.

Verächtlich blickte der Assassine auf die kläglichen Überreste des zur Strecke gebrachten Liktoren. Vielfarbige Gedärme und Eingeweide strömten aus dem sterbenden Leib der Schreckenskreatur und bildeten auf dem Boden eine widerwärtige Lache. Der kaum noch als solches zu erkennende Brustkorb hebte und senkte sich in unregelmäßigen Abständen mit einem scharfen Pfeifen.

Als er wieder erwachte, befand er sich auf der Brücke des Frachters. ES, sein Entführer, stand vor ihm. Gekleidet in einen hautengen Anzug tiefster Schwärze, bewaffnet mit einem langläufigen Gewehr und einer klobigen Pistole, sein Antlitz hinter einer Maske verborgen, die ihn kalt anstarrte. Die Totenmaske. Yelpir wusste nicht, wer vor ihm stand. Er wusste nur, dass dies nicht Neilas Mörder sein konnte.

Die Flamme des Lebens war am Erlöschen, doch die Bestie rang noch mit ihrem Tod. Sie wollte nicht sterben. Sie konnte es nicht. Denn dafür war sie nicht geschaffen worden. Sie wollte töten. Immer und immer wieder. Dies war ihr Lebenssinn.
Der Assassine legte erneut an und zielte genau zwischen die schwach lodernden Augen, um das letzte bisschen Leben aus ihnen herauszupusten.

Der Fremde sprach zu ihm. Die Stimme klang metallisch und verzerrt. Furchteinflößend. Sie gab ihm einen Auftrag. Er sollte die Sicherheitscodes des Systems knacken und alle Dateien auf dem Zentralrechner löschen. Wenn er kooperiere würde er am Leben bleiben. Yelpir tat, was man ihm befohlen hatte. Aus purer Angst.

Der Liktor konnte nicht anders und zwang sich zu einem letzten Kraftakt. Mit dem verbliebenen Arm stemmte er sich mit unerwarteter Gewandheit auf die verstümmelten Knie und feuerte sogleich. Zum selben Zeitpunkt wie sein Gegner.
Das Exitus-Geschoss durchdrang die Schädeldecke und riss ein faustgroßes Loch in den Kopf des Liktoren. Ein Sekundenbruchteil später durchbohrte der pfeilschnelle Fanghaken den Unterschenkel des Vindicare und krallte sich in seinem Schienbein fest. Das Monstrum war zwar tot, doch die ausgesandten Nervenimpulse und Reflexe des sekundären Zerebralkortex stimulierten nach wie vor die Muskelfasern des Fanghakens und zwangen sie zur Kontraktion. Der plötzliche Ruck ließ den Assassinen seine Waffe verlieren und rücklings zu Boden fallen. Er wurde in Richtung des aufgebahrten Körpers gezerrt.

Die Verschlüsselungen waren meisterhaft, doch als versierter Programmierer und Techniker war es ihm gelungen den Maschinengeist zu überlisten. Und bald hatte er verstanden, was hier vor sich ging, denn er erhielt jedesmal einen kurzen Einblick in die Dokumente, die er von dem Hauptrechner tilgen sollte. Er war einem schrecklichen Geheimnis auf der Spur, und er wusste, dass das Wissen davon gleichbedeutend mit dem sofortigen Tod war. Der Fremde würde sein Versprechen nicht halten...

Geistesgegenwärtig zog der Vindicare die Exituspistole aus dem Halfter und zog den Drücker durch, während er auf dem Rücken liegend dem Liktor immer näher kam. Die Patrone zerfetzte Muskulatur und Sehnen des Fanghakens und brachten seiner Schlitterfahrt ein Ende. Ohne Schmerzen zu zeigen riss sich der Assassine die in seinem Bein verhakte Sichelklaue heraus und schleuderte sie in den stinkenden Sumpf aus Fleisch, Blut und Knochen, der ihn umgab.

Ständig war in diesen Dokumenten, die überfüllt waren mit medizinischen und biotechnologischen Begriffen, die Rede von einem "Versuchsobjekt" und dem sogenannten "Projekt Sodom". Yelpir erfuhr auch eingehende Informationen über den Bestimmungsort des Frachters, der ihm ja bereits bekannt war. Vicar 7 war eine der lebensfeindlichsten Vorposten des Imperiums der Menschheit und wurde hier mehrfach als "Testgelände 51" bezeichnet. Die "zu erwartenden Verluste" unter der planetaren Bevölkerung betrug "95-100 Prozent". Yelpir war entsetzt. Es handelte sich hier um ein grässliches Forschungsprogramm, bei dem unschuldige imperiale Bürger geopfert wurden.

Der Vindicare Assassine erhob sich langsam und zielte mit ausgestrecktem Arm auf den Kopf des besiegten Feindes, der die Form eines geplatzten Kürbisses hatte. Der rote Ziellaser schien durch das klaffende Loch in seinem Schädel und brach sich in einer undefinierbaren flüssigen Masse, die einmal das Gehirn des Liktoren gewesen sein musste. Er pumpte drei Geschosse hinein, die den Kopf vollständig zerschlugen und explodieren ließen, um sich seiner Missionserfüllung sicher zu sein. Dann wandte er sich unbekümmert von der grausigen Landschaft der Zerstörung und des Todes ab.

Eines Tages gelangte Yelpir an einige Datenverbände, auf die er keinen Zugriff erhielt. Der schwarzgekleidete Fremde kam plötzlich herbei und gab blitzschnell einen Erkennungscode ein, der den Zugang freischaltete. Hier, im geheimen Herz der Maschine, entdeckte Yelpir den Namen der Organisation, die hinter dem Ganzen steckte: Die INQUISITION...!
Er wusste nicht viel von solchen Dingen, doch er hatte stets gedacht, dass die Inqusition für den Schutz der Menschheit vor inneren und auch äußeren Feinden zuständig war. Hier hatte er sich wohl geirrt. Und der Fremde war vermutlich ein Agent, der dieses Experiment vertuschen sollte, damit der Senat und die Ekklesiarchie, von deren Aufrichtigkeit Yelpir nach wie vor überzeugt war, nichts davon erfahren würden. Eine Verschwörung schien im Gange zu sein.
Doch Yelpir zweifelte wieder. Würde der Imperator diesen Verrat zulassen? Heiligt der Zweck nicht immer die Mittel?
Handelte die Inquisition nicht doch zu Recht auf diese Art und Weise? War dies der Wille des Imperators? Verwirrung begann sein Weltbild zu spalten.

Die nachtschwarze Gestalt kehrte zu Yelpir zurück, nachdem sie ihre verlorengegangene Waffe wieder aufgesammelt hatte. Der ausblutende Körper lag auf dem Rücken, die Hände wie zu einem Gebet auf der Brust gefaltet, umgeben von einem Kranz aus dunkelrotem Blut. Der Assassine hatte seine Leber getroffen. Damit war es besiegelt. Yelpir würde sterben. Langsam, aber sicher. Der Vindicare richtete die Exituspistole auf seine Stirn, um ihm ein schnelles Ende zu bereiten. Doch der friedliche Ausdruck auf dessen Antlitz ließ ihn innehalten.

Bald hatte Yelpir seinen Auftrag erledigt. Er hatte sich ständig vor diesem nahenden Zeitpunkt gefürchtet. Kreidebleich erwartete er nun das Urteil des Fremden. Dieser trat plötzlich an ihn heran und zwang ihn mit der bloßen Kraft des linken Arms auf die Knie. Statt des kalten Metalls eines Pistolenlaufs an seiner Schläfe spürte er einen scharfen Stich in seiner Halsseite. Sofort legte sich ein grauer Schleier auf seine Augen und sein Geist wurde der Welt entrückt.
Bizarre und verzerrte Bilder flogen an seinem geistigen Auge vorbei. Er erkannte den Kühlkomplex wieder. Ein letztes Mal noch die Totenmaske. Und Nebel, viel Nebel. Und Finsternis, ewige Finsternis. Es war kalt, und er hatte Hunger. Doch noch viel quälender war die beständige Angst, unstillbar und allgegenwärtig.
Yelpir verstand. Gleichzeitig versuchte sein Herz es zum letzten Mal umsonst, den sterbenden Körper mit dem kostbaren Lebenssaft zu versorgen, und verstummte dann für immer. Der Agent wollte sein Leben verschonen. Und nur durch Vergessen konnte dies erreicht werden. Yelpir wünschte sich, er hätte die Höhle nie betreten.
Aus der Ferne erklang eine leise Melodie. Es war der flotte Marsch, der auf seiner Heimatwelt immer gespielt wurde, wenn ein Raumschiff den abgelegenen imperialen Außenposten besucht hatte. Als Kind hatte er immer davon geträumt, eines Tages selbst ein Schiff zu kommandieren und durch das Sternenmeer zu reisen. Und nun lag er hier auf einem toten Schiff, das steuerlos durch die Leere trieb, in seinem eigenen Blut, und starb...

Der Vindicare sah wie die Lebenskraft aus dem imperialen Techniker schied und steckte die ausgerichtete Waffe wieder ein. Obwohl schon Tausende zuvor aus seiner Hand den Tod gefunden hatten, bedauerte er das Ableben dieses Mannes. Das Amnesium hatte seine erinnerungslöschende Wirkung nicht voll entfalten können. Er musste daher sterben. Er wusste zuviel.
Der Assassine drehte sich um und blickte zurück in den Korridor. Viel Arbeit lag noch vor ihm, und er begann sogleich damit, die Überreste der Gefallenen mit schnellbrennendem Hyperphosphor zu entsorgen. Er durfte keine Spuren hinterlassen.

Exitus Acta Probat:
Der Zweck heiligt die Mittel.


VIII

+++ Schlachtschiff 'Wiederauferstehung'
+++ Gouverneursdeck, Speisesaal

Der Mann, der vor ihm stand, war in ein prachtvolles, aber dennoch schlichtes, kaiserblaues Gewand gehüllt, das von einer goldenen Brosche zusammengehalten wurde, deren Emblem der imperiale Adler war. Sein Blick war streng und fest auf ihn gerichtet. Tiefe Falten zerfurchten sein Gesicht und zeugten von Mühsal und Sorgen, während der graue Vollbart und die hohe, kahle Stirn ihm Weisheit und Würde verliehen.
Der Inquisitor seufzte und lenkte seine Blicke auf das Weltall jenseits des Fensters aus meterdickem Panzerglas, aus dem ihn sein eigenes Spiegelbild anstarrte. Doch keiner der funkelnden Sterne konnte seine Aufmerksamkeit erregen, keinem gelang es seine wandernden Augen festzuhalten. Am Ende war es eine unförmige Wolke aus Schrott, Metall und Plasma, an der er hängenblieb. Beim Anblick der Überreste des Exploratorenschiffs und des unendlichen Sternenozeans musste er unweigerlich an das alte Sprichwort des Kapitäns denken, das ihm bei den Abhorchaufnahmen aufgefallen war: "Es gibt mehr Dämonen, die in der Finsternis lauern, als Sterne am Himmel leuchten." Wie grausam wahr die Wahrheit doch sein kann...

"Die 'Halo' wurde wie vor-ge-se-hen sabotiert und zum vereinbarten Treffpunkt fehlgeleitet. Die Falle schlug ge-nau zum richtigen Zeitpunkt zu. Das Schiff, dessen Bestandteile nun dort drüben durch das Weltall treiben, wurde innerhalb von we-ni-gen Sekunden vernichtet, noch bevor die Crew einen Hilferuf aussenden konnte. Man wird sie nicht vermissen...
Agentin Hatarami hat, im Gegensatz zu ihnen, ihre Mission mit hun-dert-pro-zen-ti-ger Effizienz erfüllt."

Er wusste, dass seine extreme Betonung unnötig war, denn es gab wohl nichts auf dieser Welt, das seinen Gesprächspartner aus der Ruhe zu bringen vermochte. Ohne sich umzuwenden sprach der Inquisitor mit leiser, jedoch unterschwellig zorngeladener Stimme weiter.

"Sie haben zwar nicht versagt, doch ihre Leistungen sind in-ak-zep-ta-bel. Der Missionsbericht weist erhebliche Mängel und schwerwiegende Fehler auf. Wiederholen sie bitte wort-wört-lich, wie ihre Anweisungen gelautet haben!"

Eine kalte, emotionslose Stimme erklang aus dem weiten Saal hinter ihm. Das vielfach zurückgeworfene Echo machte es ihm unmöglich herauszufinden, woher sie genau kam.

"Sicherstellen des Versuchsobjekts und der Experimentauswertung. Beseitigung aller Spuren und Zeugen."

"Exakt! Sie sollten das Versuchsobjekt si-cher-stel-len, und nicht etwa in tausend Stücke schießen! Ebenso die Experimentauswertung: Anstatt den Datenkern des Maschinengeists zu bergen, haben sie ihn, ohne jemals den Befehl dafür erhalten zu haben, kurzerhand zer-stört! Es ist zwar äußerst beeindruckend, dass es ihnen dabei gelang, die automatische Selbstzerstörung des gesamten Schiffs zu überbrücken, die mit dem Datenkopf gekoppelt worden war, um ihn vor unerlaubten Zugriffen zu schützen, doch die Befehlsgebung war klar. Wie haben sie sich dies zu erklären, Agent?"

Inquisitor Tsorf wandte sich um. Sein Umhang wirbelte auf und schwebte über den glattpolierten Boden des mit schimmernden Marmor ausgekleideten Saals. Auf seinem kahlen Schädel begannen sich die vor Aufregung pulsierenden Schlagadern abzuzeichnen. Sein Gesprächspartner war nirgendwo zu erblicken. Wie üblich hielt er sich in einer verwinkelten Ecke des weitläufigen Saals verborgen. Tsorf hasste diese Diskussionen, bei denen er sich mit einem scheinbar Unsichtbaren unterhalten musste.

"Es gab zwei gleichrangige Primärziele, Inquisitor. Sicherstellen und Beseitigen. Nachdem das Sicherstellen durch die unvorhergesehene Intervention des Adeptus Astartes unmöglich geworden war, konzentrierte ich mich auf die Erfüllung des zweiten Missionsziels. Dieses wurde mit hundertprozentiger Effizienz erfüllt. Alle Zeugen und alle Spuren, darunter auch die Daten und das Versuchsobjekt selbst, wurden restlos entfernt."

Tsorf ignorierte die letzten Aussagen des Assassinen. Seine Gesichtsfarbe hatte sich verändert und bildete nun einen gefährlichen Kontrast zu seiner blauen Kleidung.

"Un-mög-lich? Sie hatten genug Zeit, um die lästigen Space Marines auszuschalten! Ihr Zögern führte schließlich zum Scheitern der Mission und dem Verlust von unersetzlichen Daten!"

"Das Testobjekt hatte sich verändert. Es war noch aggressiver, stärker und widerstandfähiger als das vorhergehende. Alleine hätte ich es nicht überwältigen können, und seine Vernichtung gelang mir nur durch die tatkräftige Unterstützung der Space Marines, Inquisitor."

Für einen Moment schienen die Augen des Mannes zu glühen. Der imperiale Adler funkelte bedrohlich. Dann kehrte der Inquisitor ihm langsam den Rücken zu und blickte wieder hinaus in die Sternenleere.

"Wenigstens ei-ne gute Nachricht. Projekt Sodom macht trotz der jüngsten Zwischenfälle gute Fortschritte. Bald, sehr bald, wird das Imperium über eine Waffe verfügen, deren Macht und Bedrohlichkeit jegliche Feinde in den Staub zwingen wird! Nach der Erschaffung der Primarchen und des Adeptus Astartes durch den heiligen Imperator wird dies der zweite Schritt in der Evolution des Kriegers sein, an deren Ende schließlich der unbesiegbare und gehorsame Soldat steht. Diesem Ziel kommen wir immer näher. Es muss uns nur noch gelingen, den Loyalitätsfaktor der Versuchsobjekte zu steigern und sie mit effektiveren biogenetischen Feuerwaffen auszurüsten. Und wenn wir die Reproduktionsphasen verkürzen können, werden die Space Marines sehr bald der nächsten Generation von Elitekrie..."

"Sie sind verrückt."

"Was...," begann er und erwachte aus seinem Tagtraum. Die Stimme des Assassinen klang nah, doch Tsorf konnte ihn nirgendwo im reflektierenden Glas ausmachen.
Seine rechte Hand wollte eben schnell unter seinen Umhang schlüpfen und nach der mit arkanen Runen verzierten Plasmapistole greifen, als plötzlich wieder die scharfe Stimme des Vindicare erklang.

"Keine Bewegung, Inquisitor!"

Ein kleiner roter Punkt auf der rechten Schläfe seines Spiegelbilds verlieh dem Befehl besonderen Nachdruck, so dass er seine Hand nicht mehr weiterbewegte. Zumindest wusste er nun, wo sich der bislang verkappte Feind aufhielt.

"Dreckiger Verräter! Du wagst es, dich gegen mich, die Inquisition und den Willen des Imperators zu stellen?"

"Ich handle im Auftrag der Inquisition und ich werde den Willen des Imperators vollstrecken!"

Der Inquisitor überlegte. Anscheinend hat die Innere Inquisition ihn nun also doch aufspüren können, und den Vindicare Assassinen, der ihm jahrelang treu gedient hatte, auf ihre Seite gebracht. Vermutlich haben sie ihm den Auftrag gegeben ihn zu überführen oder notfalls gar zu liquidieren. Er war des Todes, wenn er nicht schneller handeln würde als der Agent...

"Es sind verblendete Schwächlinge, die den Thron von Terra beflecken! Sie sind unschlüssig und bereit mit anzusehen, wie das Imperium der Menschheit zugrunde geht, umringt von nimmersatten Feinden, innerlich zerfressen von Mutation, Häresie und Verrat. Ich handle aus eigenen Stücken, um das Erbe des Imperators zu retten. Einzig und allein zum Wohle der Menschheit!"

Während er sprach, beobachtete er seine Hand dabei, wie sie immer tiefer in seinen Umhang drang und sich seiner inneren Brusttasche näherte.

"Hiermit enthebe ich sie ihres Amtes. Sie werden des Hochverrats und der Durchführung ungenehmigter Experimente und Forschungen beschuldigt. Sollten sie Buße zeigen, wird ein Tribunal der gnädigen Inquisition über sie richten. Andernfalls werden sie hier und jetzt das erlösende Urteil empfangen."

Tsorf musste Zeit gewinnen. Irgendwie. Seine Hand hatte die rettende Waffe fast erreicht.

"Wofür soll ich Buße zeigen? Dafür, dass ich Menschenleben für den Dienst der Wissenschaft habe opfern lassen? Was bedeuten diese armen Seelen schon im Vergleich zu den Milliarden Toten eines tobenden Kriegs? Gerade du solltest mich doch in dieser Hinsicht verstehen. Der Zweck heiligt immer die Mittel."

"Sie sind zu weit gegangen. Niemand kann sich auf ewig vor dem strengen Auge der Inquisition verbergen. Ihre Zeit ist gekommen. Widerstand ist zwecklos."

Der Inquisitor wusste, dass die Konversation so gut wie beendet war. Gleich würde er seine Entscheidung einfordern. Doch er hatte sie schon längst gefällt. Mit dem Tag, an dem er sich von der Inquisition losgesagt hat, war sein Schicksal besiegelt. Nein, er würde keine Buße tun. Dafür war es nun zu spät. Zuviel stand auf dem Spiel, zu nah war das große Ziel.
Seine Hand berührte den kalten Griff der Plasmapistole und umschloss ihn mit festem Willen.

"Ihre Entscheidung, Inquisitor! Buße oder Urteil!"

"Ich sehe keinen Unterschied, Agent. Auf beiden Pfaden erwartet mich nur der Tod."

"Der Tod des geläuterten Sünders oder der Tod des dreckigen Verräters. Entscheiden sie sich! Jetzt!"

"Nun gut. Meine Entscheidung lautet...
LEBEN!!!"

Er wirbelte herum und zog gleichzeitig den Abzug seiner Waffe durch.

Tsorf starrte fassungslos auf die schimmernde Marmorwand, die durch das glühendheiße Plasma leicht angeschmolzen war. Zwei Meter über dem zerfließendem Marmor stach ihm der Reflektionspunkt eines Laserstrahls ins Auge.
Der verblüffte Inquisitor blieb eine fatale Ewigkeit lang wie angewurzelt stehen, bis er den Trick des Assassinen verstanden hatte.

Der Vindicare richtete den Lauf seines Gewehrs von der Mauer auf den entgeistert umherblickenden Mann. Der rote Lichtfleck folgte seiner Bewegung und legte sich auf den Kehlkopf des Ziels. Bevor der Inquisitor auch nur auf die Idee kommen konnte nach Hilfe zu rufen, durchdrang das Schildbrecher-Geschoss den bläulich aufflackernden Schutzschirm seines Rosarius und schoss durch seine Kehle.

Tsorf ließ mit gefasster Miene, die kein Erschrecken und keine Angst zeigte, seine Plasmapistole fallen und griff mit beiden Händen nach seinem Hals, aus dem nun eine Fontäne aus Blut zu quillen begann. Seine Augen wanderten nach oben und mit verschwommenem Blick erkannte er auf einem der prachtvollen, säulengestützten Balkons des Saals einen schwarzen Schatten. Den Schatten seines Henkers.
Dann brach er sterbend zusammen.

Der Assassine beobachtete den sprudelnden Brunnen eine Weile, bis er schließlich versiegte. Der gestürzte Inquisitor wirkte in seinem blauen Mantel und der roten Blutlache wie ein leuchtender Farbklecks in dem prunkvollen Saal aus Gold, Silber und Marmor. Es hätte das bizarre Kunstwerk eines häretischen Malers sein können.

Die Besatzung dürfte den Tod ihres Anführers bald bemerkt haben. Er musste sich nun beeilen. Mit diesem Gedanken im Kopf wandte sich der Vindicare Assassine um und verschwand in der Finsternis aus der er gekommen war.


EPILOG

+++ ABSENDER: Inquisitor Reyem Knups
+++ BETREFF: Ausschaltung von Tsorf und Beendigung von Projekt Sodom
+++ GEDANKE: Der Imperator weiß alles, der Imperator sieht alles

Endlich ist es uns gelungen, den abtrünnigen, ehemals hochdekorierten Inquisitor Tsorf zu überführen und unschädlich zu machen. Es hatte eine zehnjährige Vorbereitung gekostet um diesen Verblendeten ausfindig zu machen, und weitere fünf Standardmonate um Tsorfs persönlichen und ihm loyal dienenden Vindicare Assassinen durch Agent SK-CIH auszutauschen. Bei der Suche nach einem verlorengegangenen Versuchsobjekt aus den gotteslästerlichen Laboren von Tsorfs Wissenschaftlern, konnte der Agent die Gelegenheit ergreifen und den Renegaten den vollen Zorn des Imperators spüren lassen.

Zum allgemeinen Verständis eine knappe Rekapitulierung von Tsorfs Machenschaften im Zusammenhang mit dem Projekt Sodom:
Inquisitor Tsorf, der unter anderem für die Befreiung von Amor Fati und die Zerschlagung des Götzenkults auf Theresian bekannt ist, sagte sich vor 69 Standardjahren in einer plötzlichen 'Nacht und Nebel'-Aktion von der Inquisition los und verschwand mit seinen engsten Untergebenen, darunter zwei Assassine, spurlos im Elysium Sektor. Seine letzte Mission war die Überprüfung einer Forschungsstation in diesem Sektor, die er aus unbekannten Beweggründen vollständig hat abbrennen lassen.

Die Inquisition blieb wachsam, doch Tsorf verstand es meisterlich den auf ihn angesetzten Spähern und Agenten aus dem Weg zu gehen. So konnte er sich jahrelang verbergen und einen Plan schmieden, mit dem er in seinem Größenwahn das glänzende Imperium aus den glorreichen Tagen des Imperators wiederauferstehen lassen wollte: Projekt Sodom
Wie sehr viel später in Erfahrung gebracht werden konnte, befasste sich die von Tsorf zerstörte Forschungsstation mit der Katalogisierung von Extraterresten und Abhumanen. Es ist nicht bekannt, ob die faulige Wurzel des schwarzen Baums der Häresie in Tsorf oder in dem leitenden Wissenschaftler saß, doch geblendet von den einzelnen Stärken jeder Rasse fasste Tsorf zusammen mit dem Personal den widerlichen Plan, ein Wesen zu erschaffen, dass die besten Eigenschaften der bekannten Rassen in sich vereinigen sollte. Mit diesem ultimativen Krieger sollte dann eine unaufhaltsame Armee aufgebaut werden, mit der er das Imperium durch einen zweiten Großen Kreuzzug unter seine gerechte Herrschaft bringen wollte.

Als wäre dies nicht schon genug der Ketzerei und des Verrats, kamen Tsorf und seine Forscher nach einigen Jahren zu der widerwärtigen Ansicht, dass eine Kombination aus Space Marine, Tyranide, Orkoide und Artanide den wohl effizientesten Krieger schaffen würde. Die übermenschlichen Fähigkeiten des Space Marines, die physische Überlegenheit des Tyraniden, die Zähigkeit des Orks und die regenerativen Kräfte des friedlichen Volks von Artania waren in ihren Augen die besten Zutaten für ihr dunkles Werk.

Während der jahrelangen Forschung testeten die Ketzer ihre schrecklichen Mutationen an einzelnen Außenposten des Imperiums aus und forderten stets ein hohes Blutzoll unter der schuldlosen Bevölkerung. Doch als dann die vielversprechendste Kreation von Tsorf, ein Liktor ausgestattet mit den Fähigkeiten der anderen Rassen, durch einen Warpsturm verlorengegangen war, musste er sich aus seinen Verstecken wagen und konnte so von der ewig wachsamen Inquisition aufgespürt werden. Der mit großem Aufwand betriebene Gegenschlag erfolgte wie zu Beginn des Berichts beschrieben durch die Arbeit von Agent SK-CIH.

SK-CIH wurde für die Verbrechen, die er in der Rolle des persönlichen Assassinen von Tsorf verüben musste, um sein Vertrauen zu ihm aufrechtzuerhalten, nach gründlicher Examination freigesprochen und wird demnächst für die zeremonielle Innere Reinwaschung zu seinem Tempel zurückkehren. Die Intervention der Space Marines war nicht vorhersehbar und die Ausschaltung der tapferen Krieger des Adeptus Astartes durch Agent SK-CIH für den weiteren Verlauf der Mission leider unabdingbar. Dem Orden der +++ geheim +++ wurde glaubwürdig mitgeteilt, dass sie im gerechten Kampf gegen Tsorfs Kreatur gefallen sind, um keinen ungerechtfertigten Unmut gegenüber der Inquisition hervorzurufen.
Die geheimen Forschungsstützpunkte konnten dank der Aufklärungsarbeit des Agenten ausfindig gemacht und vernichtet werden. Ebenso gelang es einem Flottenverband der Space Marines kürzlich Tsorfs Flaggschiff, die 'Wiederauferstehung', zu stellen und zu kapern. Mit diesem Bericht gilt die Akte 'Tsorf-Affäre / Projekt Sodom' als offiziell abgeschlossen und wird unter Sicherheitsstufe Alpha in den Archiven auf Terra aufbewahrt.

- Inquisitor Reyem Knups


+++ KOMMENTAR I:
Man wage es sich nur vorzustellen, was geschehen wäre, wenn diese Liktor-Chimäre in die Klauen eines Tyranidenschwarms gekommen wäre.

+++ KOMMENTAR II:
Die abtrünnige Assassinin Hatarami bleibt nach wie vor unauffindbar. Diesbezügliche Sub-Akte bleibt daher geöffnet.

+++ ZITAT:
"Der Ketzer mag die Wahrheit erkennen und um Buße ersuchen. Ihm werden seine Taten vergeben, und im Tode wird er die Absolution erfahren. Einem Verräter jedoch wird niemals vergeben. Ein Verräter wird keinen Frieden in dieser Welt erfahren, und auch nicht in der nächsten. Nichts in der Welt wird so gehasst und verachtet wie ein Verräter."
Kardinal Khrysdam - Instructum Absolutio



Urheberrecht: Huân Vu, 2000



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