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RüCKKEHR

Der Raum ist dunkel. Man kann seine Grösse nicht genau bestimmen, aber er scheint ziemlich gross. Auf weit auseinander liegenden Konsolen erscheinen Anzeigen und erlöschen wieder, um nur ein monotones, graues Flackern auf leeren Bildschirmen zu hinterlassen. Keine Schritte oder sonstige Aktivitäten erfüllen diesen Raum. Er wirkt in seiner Dunkelheit verlassen, wie eine mit uralter Technik vollgestellte Gruft.

Niemand kann sagen, ob die Anzeigen einen Sinn haben, die hier erscheinen, denn niemand ist da, um die Szene zu beobachten. In diesem grossen, dumpfen Raum gibt es nur ein Augenpaar, das mit seiner Sicht die Schatten des Raumes durchdringt. Die Augen sitzen in einem alten, zerfurchten Schädel, unter zerrüttetem, herabhängendem weissem Haar. Hinter ihnen, tief in diesem Schädel, haust das Gehirn des alten Mannes, dessen Körper in diesem stählernen Sarg eingeschlossen ist seit einer Zeit, an die er sich nicht mehr erinnern kann.

Stumm sitzt er da, auf seinem Sessel im Zentrum dieses Raumes. Er nimmt wahr, was um ihn herum ist. Alles. Immer. Jedes kleinste Geräusch dringt in seine Ohren, jede kleine Anzeige in den fernen Winkeln wird gesehen, gelesen, zur Kenntnis genommen. Doch er muss sich nicht bewegen, um Antworten auf Fragen zu geben, die ihn hier unten erreichen. Eine winzige Bewegung seines linken Zeigefingers genügt. In den Armlehnen seines Sessels sind Tastaturen eingebaut. Er kann alles tun, ohne sich von diesem Sitz jemals zu erheben. Er fühlt sich seinem Grossvater auf eine eigenartige Weise ähnlich.

Obwohl er alles wahrnimmt, obwohl er wacher ist als jeder Sterbliche es jemals sein kann, obwohl ihm nichts entgehen kann, ist sein Geist doch ganz woanders. Er ist mit sich selbst noch mehr beschäftigt als mit seinen Pflichten, denen er doch ohne Unterlass und ohne Unterbruch nachkommt.
Die uralten Augen, welche die dumpfigen Schatten dieses Raumes zu durchdringen vermögen, blinzeln, als der alte Mann einen weiteren Versuch startet.

Der Kopf? Nichts.
Das Gesicht vielleicht? Irgendeine Kleinigkeit? Ein nervöses Zucken vielleicht? Nichts.
Das Herz? Ein unregelmässiger Schlag? Nur ein kleines Zeichen von Altersschwäche? Nein.
Dann die ganzen Innereien. Magen? Darm? Sonst noch was, das da defekt sein könnte? Nur ein bisschen? bitte!... aber nichts.
Auch nicht mit den Nerven oder der Haut oder was man sonst noch finden kann.
Nicht einmal Erektionsprobleme. Und das in diesem Alter. Das ist nicht fair. Aber so ist es.

Der alte Mann gibt nicht auf. Er hat viel Zeit für seine Suche. Unlängst hat er sich riesige medizinische Enzyklopädien hier herunter schicken lassen und alle, die davon wussten töten lassen. Und seitdem ist er damit befasst, die Bände zu lesen. Wort für Wort, Krankheit für Krankheit. Obwohl er weiss, dass es unmöglich ist, dass bei ihm eine auftauchen wird. Es ist absurd. Das närrische Verhalten eines senilen alten Spinners. Aber nicht einmal Senilität ist ihm vergönnt und er weiss auch das.

Wenn er diese Bände durch hat, wird er sich weitere schicken lassen. Heimlich. Er ist besessen davon, vielleicht doch irgend etwas zu finden... in jüngster Zeit hat er sehr viel über Hypochondrie gelesen, psychosomatische Beschwerden. Wenn man sich lange genug einredet, dass man etwas hat, dann kriegt man zumindest die Symptome... eine unterbewusste Simulation... aber seine Simulation des typischen Pillendrehens mit Daumen und Zeigefinger bei gewissen Nervenkrankheiten ist nur allzu bewusst. Er lässt es bleiben. Es bringt nichts....

Während er so dasitzt in der Unendlichkeit seiner Stunden, Tage, Wochen und Jahre, hört er auch leise die Geräusche von anderswo. Von weit oben, oder weit unten. Schritte. Von Millionen von Dienern, von Armeen, von Attentätern, Fanatikern und tausend anderen, die hier versammelt sind. Niemand hat ihn je gesehen. Niemand kommt hierher, tief ins Herz des Schiffes. Nur Alaric kommt hierher. Und das nur, wenn er gerufen wird.

Dies tut der alte Mann jetzt. Durch einen weiteren leisen kleinen Knopfdruck. Dann wartet er. Lange. Denn teleportieren ist in einem weiten Umkreis um ihn herum nicht gestattet. Alaric muss Meilen zu Fuss zurücklegen. Aber er macht sich auf den Weg, wann immer er den Ruf vernimmt. Immer sofort.

Der alte Mann löscht schnell noch einige Anzeigen von dem Bildschirm auf einer Konsole unmittelbar vor seinem Sessel. Die Konsole gleitet dann lautlos in den Boden.
Irgendwann, vielleicht nach zwei Stunden, vernimmt der alte Mann Schritte auf dem langen, einsamen Korridor, der zu dieser Halle führt. Nur Alaric kann hier hinein. Hunderte von Sicherungen garantieren dies.

Die Schritte nähern sich langsam der stählernen Tür, die rechts hinter dem Sitz des alten Mannes ist. Die Tür öffnet sich. Alaric tritt ein in seinem schweren, antiken Körperpanzer. Der Raum wird in ein rötliches Licht getaucht, während sich die Tür hinter Alaric schliesst. Alaric richtet den Visor seines Helmes auf den Boden. Auch er sieht den alten Mann nicht, als er langsam neben dessen Sitz tritt.
Irgendwann ertönt Alarics Stimme.

"Herr, Ihr habt gerufen?"

"Ja."

"Mein Herr, wie kann ich euch dienen?"

"Mir dienen? Kannst du mir dienen, Alaric? Dienst du mir?" Tief in seinem Innersten geniesst ein Teil des alten Mannes dieses Spiel, das er mit Alaric treibt. Ein anderer Teil will es einfach so schnell wie möglich hinter sich bringen. Alaric ist verwirrt, so wie es sein sollte.

"Mein Herr... ich verstehe nicht... seid ihr unzufrieden mit meinen Diensten?"

"Unzufrieden? Sollte ich das sein, Alaric?"

Alarics Nervosität ist nun noch ein wenig grösser. Der alte Mann deutet kurz auf einen Bildschirm weit vorne an der Wand.

"Dieses System dort, wie heisst es?"

"Es ist unklassifiziert, mein Herr. Keine imperiale Präsenz und auch keine andersartige. Soweit wir sehen können, ist es völlig unbewohnt."

"Der dritte Planet des Systems ist bewohnt." Sagt der alte Mann. "Das System heisst nach dieser Welt. Kolyada. Es sind Menschen dort. Mittlere Entwicklungsstufe. Staatensystem. Haben Fabriken und einfache Technologie."

Der alte Mann weiss, dass er jetzt wieder wie ein Halbgott erscheinen muss in den Augen von Alaric. Aber der Trick ist einfach. Er hat selbst die Informationen abgeändert, die auf den übrigen Terminals im Schiff erschienen sind, nur um diese kleine Darbietung seiner "Kräfte" vor seiner rechten Hand zu geben. So etwas ist von Zeit zu Zeit nötig. Nur, dass es diesmal sinnlos ist, weil Alaric diesen Raum nicht mehr verlassen wird. Der alte Mann hat es trotzdem getan. Nur zu seiner persönlichen Befriedigung. Einfach so. Jetzt spricht er wieder zu Alaric.

"Ich will, dass alles, was an Technologie und Fleisch hier verwertbar ist, ausgerissen und hierher gebracht wird. Dann vernichtet den Planeten. Gib diesen Befehl jetzt an die fünfte Division weiter."

Der ehrfürchtige Alaric tut, wie ihm befohlen ist und der alte Mann lächelt mild. Alaric sieht ihn nicht an. Er ist ein treuer Vasall. Alle seine Vasallen waren treu. Sind treu.

Nachdem Alaric den Befehl weitergeleitet hat. Lässt der alte Mann einige Zeit verstreichen, bevor er wieder spricht. Sein Diener wagt es nicht, in dieser Zeit ein Wort von sich zu geben. er starrt weiter auf den Boden.

"Wer bin ich, Alaric?" fragt er schliesslich. Er weiss, dass Alaric diese Frage nicht versteht.

"Ihr seid... mein Gebieter, mein Herr..."

"Ja...."

Wieder verstreicht einige Zeit. Weit weg, in den ungezählten, verschlungenen Gängen des Schiffes herrscht jetzt rege Aktivität. Sein Befehl wird ausgeführt. Wie lange wird es dauern? Einen Tag? Zwei vielleicht.

"Was denkst du, Alaric? Wird diese Tat in Legenden eingehen?"

"Welche Tat, mein Herr?"

"Diese. Dieser Befehl, den ich gegeben habe. Wird er in Legenden eingehen?"

"Ich... weiss nicht, mein Herr..."

"Ich weiss es auch nicht."

Wieder verstreichen einige Minuten. Würde ihn nicht sein schwerer Körperpanzer komplett ruhig halten, würde Alaric sicher nervös auf den Füssen hin- und herrutschen. Dessen ist sich der alte Mann sicher.

"Aber es gibt doch Legenden. Oder, Alaric?"

"Gewiss, mein Herr."

"Du selbst kennst sie. Verkündest sie."

"Jawohl, mein Herr.... zu eurem Ruhm."

"Aha."

Darauf kann Alaric nichts entgegnen. Der Alte macht weiter:

"Wenn du... hier vor mich trittst... Hast du dann das Gefühl... vor einer Legende zu stehen?"

"Gewiss, mein Herr."

"Wieso?"

Nun ist Alaric's Nervosität eine dicke Wolke, die den ganzen Raum ausfüllt. Wäre sein Panzer nicht völlig verschlossen, könnte man seine Angst riechen.

"Mein.... Mein Herr..." beginnt Alaric "Ihr seid... eine Legende. Ihr seid unser... Herr."

Einen Rhetorik -Wettbewerb würde Alaric wohl nicht gewinnen.

"Ich weiss, dass ich der Herr bin. Aber wieso bin ich eine Legende?"

"Eure.... Eure Taten, Herr, eure Taten!"

"So wie diese eben?"

"So wie diese eben und tausend an...."

"Schweig!"

Alaric gehorcht sofort. Nach einer Weile fährt der Alte fort.

"Ist es in deinen Augen eine Tat für Legenden, auf einen Knopf zu drücken? In ein Mikrophon zu sprechen oder eine Unterschrift unter ein Dokument zu setzen?"

"Ich... ääh... ich weiss nicht.... Herr."

"Wenn man sich auf einer fernen Welt von mir erzählt, drücke ich dann auf einen Knopf? Gebe ich dann Befehle per Mikrophon?"

"Nein... Herr."

"Ja. Denn wenn man über mich erzählt, dann stehe ich für gewöhnlich in einem Flammenmeer. Mit erhobenem Schwert in rauchenden Trümmern, schlage ganze Armeen allein zu Staub. Ich fliege auf riesigen Plattformen an Millionen von Sklaven vorbei und Legionen von Weltenfressern hören auf mein Kommando. Präsentieren mir frisch abgeschlagene Köpfe und so."

Alaric ist jetzt still. Das gefällt dem alten Mann.

"Wenn man von mir erzählt, dann entreisse ich Dämonen irgendwelche "magischen Waffen" oder schmiede mit Göttern ein Bündnis. Und alle unterwerfen sich mir durch mein blosses Erscheinen auf dem "Schlachtfeld." Pah!" Achtlos spuckt der alte Mann auf den Boden.

"Weisst du, woher der Begriff "Schlachtfeld" kommt, Alaric?"

"Äähm... nicht... genau, Herr."

"Es ist ein sehr alter Begriff. Ich kenne dich, Alaric. Du bist in deiner Karriere höchstens ein oder zweimal in die Nähe von wirklich primitiven Kulturen gekommen."

Alaric schweigt und starrt weiterhin auf den Boden. In einem plötzlichen Gedanken schiesst es dem alten Mann durch den Kopf, dass Alaric ihm unter seinem Helm vielleicht Faxen schneidet.

"Also... die wirklich primitiven Menschen", fährt er fort "haben meistens überhaupt keine Schusswaffen. Sie haben nur Nahkampfwerkzeug. Spiesse, Keulen, Schwerter vielleicht... ganz einfaches Zeug eben. Wenn sie nun Krieg führen, dann... dann begegnen sich ihre Armeen oft auf einem zuvor abgesteckten Feld. Dort prallen sie dann buchstäblich zusammen und schlagen sich so lange die Köpfe ein, bis eine Seite klar geschlagen ist."

Der alte Mann schweigt. Er weiss, dass Alaric wahrscheinlich eine Weile braucht, um zu verstehen, was er sagen will. Er hat ihn nicht falsch eingeschätzt.

"Mein Herr, ihr meint den Schlachtenruhm... die... die Propagandabilder..."

"Richtig."

"Aber... Mein Herr. Es ist doch klar, dass... ich will euch auf keinen Fall widersprechen, Herr, aber..."

"Ich habe nicht gesagt, dass so etwas heute möglich ist, Alaric. Ich bin nicht senil."

"Was wollt ihr mir dann damit sagen, Herr?"

"Sagen? Ich will dir überhaupt nichts sagen. Ich denke nur laut nach. Wann immer über mich gesprochen wird, könnte man meinen, ich sei eine Sagengestalt auf einer primitiven Welt. Ein Berserker, der mit Schild und Schwert Könige herausfordert. Auf dem Schlachtfeld. Würdest du das hier ein Schlachtfeld nennen, Alaric?" Der alte Mann deutet auf den Bildschirm, auf dem der Planet zu sehen ist, den er als Angriffsziel bestimmt hat.

"Nein... Herr."

"Ganz richtig."

Wieder schweigen beide und der alte Mann lässt Alaric nicht gehen.

"Würdest du sagen, dass du jemals ein "Schlachtfeld" gesehen hast?" fragt er schliesslich.

"Nicht so eines, wie ihr beschrieben habt, Herr."

"Genau. Alles was du gesehen hast, waren Trümmerhaufen, zwischen denen irgendwelche jämmerlichen Flüchtlinge umherkrochen. Ausgebombt. Oder Typen, die aus der Deckung auf dich schiessen. Oder Gefangenenkolonnen von hier bis zum Rand des Imperiums...."

"Herr?"

"Wo ist da die Legende, Alaric? Wo sind da die Heldentaten? Die Todesritte? Die bitteren Schlachten Mann gegen Mann? In den Geschichten, die man über mich erzählt gibt es die haufenweise.... Du hast es ganz richtig gesagt, Alaric. Propaganda."

"Legenden... haben ihren Zweck, Herr."

"Ja. Alles hat einen Zweck. Auch wenn wir ihn nicht kennen. Oder nicht sehen wollen. Was ist unser Zweck?"

"Wir werden das falsche Imperium zerschlagen, Herr!" Das kommt wie aus der Pistole geschossen.

"Soso... werden wir das. In der Legende wird es dann heissen, dass ich das getan hätte, ja? Das ich Mann gegen Mann mit dem Imperator gekämpft hätte? Oh je, Alaric, ich wünschte du wüsstest, wie ähnlich sich dieser Imperator und ich sind. Die Eldar nennen ihn angeblich ‚Leichengott'. Es ist nur allzu passend."

"Ihr seid unser Führer, Herr." ist das einzige, was Alaric darauf einfällt.

Der alte Mann drückt wieder einen Knopf auf seiner Armlehne. Musik erklingt im Raum. Der Raum hat eine gute Akustik. Es ist ein Streichorchester. Irgendeine soundsovielte Symphonie von irgendjemandem, der vor Ewigkeiten gestorben ist.
Während die Musik erklingt, beginnt der alte Mann seine Arme zu bewegen.

"Sieh mich an, Alaric." befiehlt er. Alaric gehorcht, wenn auch zögernd.

"Siehst du, was für ein fähiger Dirigent ich bin. Das Orchester gehorcht mir wie meine endlosen Armeen." Er tut weiter so, als würde er dirigieren. "Was meinst du wohl, Alaric? Was wird wohl geschehen, wenn ich jetzt aufhöre, hier den Takt vorzugeben."

Alaric ist jetzt wieder sehr verunsichert. Noch nie zuvor hat er seinen Herrn ansehen dürfen.

"Nichts... Herr."

"Und warum nichts?"

"Herr... das ist... eine Aufnahme." Wahrscheinlich zweifelt Alaric momentan an der Zurechnungsfähigkeit des alten Mannes.

"Ganz richtig." sagt der alte Mann und lässt seine Arme sinken. Die Musik spielt weiter.

"Siehst du?" fragt er Alaric.

"Was?" fragt der zurück.

"Nichts ist geschehen. Wie du gesagt hast. Es spielt gar keine Rolle, ob ich den Dirigenten spiele oder nicht. Die Musik spielt einfach weiter. Es ist egal, ob ich da bin oder nicht."

Langsam dämmert Alaric, was der alte Mann ihm sagen will. Aber er hat darauf nichts zu entgegnen.

"So ist es." sagt der alte Mann schliesslich. "Wir können tun was wir wollen. Über uns verbreiten, was wir wollen. Wir können von uns denken, dass wir grosse, charismatische Anführer sind, Herrscher, Helden... nichts ist wahr. Das alles hier..." er deutet im Raum herum "...läuft einfach immer weiter. Automatisch. Ob mit oder ohne uns. Und das einzige, was wir wirklich tun, ist auf Knöpfe drücken. Damit wir uns vormachen können, dass hier alles auf unser Kommando läuft. Wir leben nicht, Alaric. Wir werden gelebt. Von den Dingen, die wir einst in Gang gesetzt haben. Und vielleicht noch nicht einmal das. Denn auch die Dinge haben in Wirklichkeit uns in Gang gesetzt."

Alaric schweigt weiter. Bedrückt. Der alte Mann sagt lange auch nichts mehr. Auf dem Bildschirm vorne an der Wand kann man sehen, wie sich kleine schiffe dem Planeten nähern.
Die Musik läuft weiter. Nach einer gewissen Zeit des Lauschens sagt der alte Mann:

"Nimm deinen Helm ab, Alaric."

Alaric tut, wie ihm befohlen. Er zögert jetzt nicht mehr. Er ist treu. Bis zum Ende.

"Jetzt sieh mich an. Mit deinen eigenen Augen."

Alaric sieht ihn an. Auch er ist alt. Auch sein Haar ist weiss und zerrüttet. Seine Augen sind braun. Das hat der alte Mann nicht mehr gewusst. So viele Jahre sind vergangen. Zu viele...

"Gib mir deine Pistole, Alaric."

Alaric gibt ihm seine Pistole, dann geht er auf die Knie. Der alte Mann schiesst ihm in den Kopf.


Stille herrscht in der dunklen Kammer. Ein Knopfdruck hat das rote Licht ausgeschaltet. Dunkelheit umfängt den alten Mann. Auch die Bildschirme vorne hat er jetzt für eine Weile ausgeschaltet. Das Blut von Alaric umspült das Eisen seiner Stiefel. Irgendwann wird er den Nachfolger von Alaric herunter rufen, um den Leichnam zu beseitigen und seinen Platz einzunehmen. Das ist schon so oft geschehen...
Der alte Mann kehrt jetzt wieder zu seiner Routine zurück: Kopf? Nichts. Hals? Brust? Arme? Fehlanzeige. Eine sinnlose Suche. Aber es wäre für ihn genauso sinnlos, sich auf den Bildschirmen die x-tausendste Plünderung irgendeiner unbedeutenden Welt anzusehen.

Dann, plötzlich, zerreisst ein Knacken und ein kleines Funken den Raum. Der alte Mann blickt herunter auf seine rechte Hand. Auf den idiotisch grossen Handschuh, der sie umgibt. Das einzige Erbstück, das er von seinem Vater hat, ist im Licht der Funken erkennbar. Der Mittelfinger der Servoklaue hat einen Defekt am ersten Gelenk. Wenigstens die Elektronik versagt manchmal. Das wird repariert werden müssen, für den unwahrscheinlichen Fall, dass er irgendwann einmal wieder ein paar Poser-Fotos für "seine" Propagandamaschinerie wird machen müssen.

Bei diesem Gedanken entwindet sich der Kehle des alten Mannes ein Geräusch. Dann sagt er leise in den Raum hinein: "Ich kehre zurück, Grossvater... immer wieder... ...und vielleicht werden wir uns... diesmal... wiedersehen... Grossvater... ich habe dir schon lange vergeben."

Niemand weiss, ob das, was auf diese Sätze folgt, ein Lachen oder ein Schluchzen sein soll. Wahrscheinlich weiss es der alte Mann selber nicht. Auf jeden Fall ist niemand da, der ihn hören könnte.



Urheberrecht: C.S. Brogle, 2005



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