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SKALTRA INFERNUM 2

Eine große, hagere Gestalt saß gebeugt über eine Tisch und las im Schein von zwei schwarzen Kerzen in einem uralten Buch. Der Rest des Raumes war in Dunkelheit gehüllt, doch konnte man die Risse und Löcher in den Wänden gerade noch so erkennen. Das Gesicht des Mannes wurde durch eine Kapuze verborgen, welche er tief hinuntergezogen hatte. Sein Atem ging schwer und rasselte, so als ob er eine schwere Last zu tragen hätte. Langsam hob er seinen Arm und eine klauenartige Hand wurde sichtbar, die von ledriger Haut überzogen war. Er ergriff eine Feder und kritzelte sorgsam einige Zeichen an den Rand der Seite. ‚Bald würde es soweit sein,' dachte er, stieß ein trockenes Lachen aus und schloss das Buch. Für einen kurzen Augenblick blitzte das Symbol der Inquisition auf, welches auf dem Einband eingelassen war. Es klopfte und eine Tür wurde geöffnet. Helles Licht fiel ein, da auf in Labour-1 gerade der Tageszyklus angebrochen war. "Schließ die Tür, Igor. Du weißt, dass ich kein helles Licht mehr ertrage." Die eingetretene Gestalt nickte gehorsam. Groß und breit war er, mit Muskelsträngen so dick wie Taue. Er war nicht besonders intelligent, doch er glaubte fest an den Imperator und an das, was sein Herr tat. "Oberst Miller und Leutnant Palmer sind hier, wie ihr befohlen habt, Herr." Der Inquisitor, er trug eine grobe, nachtschwarze Kutte, erhob sich und verstaute das Buch sorgsam in einer Hülle aus gegerbter Menschenhaut. "Führ sie herein, Igor." Während die Tür offen stand, wandte er sich ab und betrachtete die Wand. Er verfluchte sein Schicksal, welches ihm die Möglichkeit genommen hatte, bei Tageslicht zu sehen. Er hörte zwei Männer eintreten und dachte an die vielen Soldaten, die an seiner Seite gekämpft und gefallen waren. Möge sich der Imperator ihrer Seelen annehmen. Er räusperte sich und drehte sich um.
Oberst Miller war ein hagerer, etwa fünfzig Jahre alter Mann, dessen kantiges Gesicht von zahlreichen Kämpfen gezeichnet war. Seine stahlgrauen Augen leuchteten in einem Feuer, das dem Inquisitor nur zu bekannt war. Es war die Liebe zum Imperator und das Bedürfnis eine Schuld zu begleichen, die bereits durch die atomare Reinigung Kriegs abgegolten war. Leutnant Palmer dagegen wirkte jugendlich und voller Energie, trotz seines abgekämpften Erscheinungsbildes. Sein Mantel war schmutzig und zerrissen, sein Gesicht bleich und ausgezehrt. Die tief in den Höhlen liegenden Augen musterten den Inquisitor aufmerksam.
"Sie wissen, warum sie hier sind?" fragte der Inquisitor leise. Palmer nickte abgehackt: "Ja, eure Exzellenz." Miller fuhr herum: "Schweigen sie, Leutnant. Sie sprechen nur, wenn sie dazu aufgefordert werden." Dann, zum Inquisitor gewandt: "Wir sind hier, weil sie von Palmers "Abenteuer" gehört haben. Wenn sie mich fragen, verehrter Inquisitor, ist seine Befragung reine Zeitverschwendung. Ich hätte ihn standrechtlich erschießen lassen sollen, als er zurückgekehrt ist." Die Gestalt des Inquisitors straffte sich: "Sie werden aber nicht gefragt, Oberst. Setzen sie sich und beginnen sie zu erzählen, Leutnant." Der Inquisitor ließ sich auf seinem Stuhl nieder und griff nach der Feder und einem Stapel unbeschriebener Pergamente. Es würde von Vorteil sein, Palmers Geschichte aufzuschreiben um sie danach in aller Ruhe studieren zu können.
Der junge Leutnant räusperte sich und begann: "Nun, wie wir in das Fundament gelangt sind, wissen sie ja bereits aus dem Bericht, Sir. Es war eng und dunkel und es war uns nicht wohl bei der ganzen Sache. Es schien so, als ob die Korridore etwas Böses ausstrahlen würden." Oberst Miller stieß ein kurzes, sarkastisches Lachen aus, doch Palmer fuhr unbeirrt fort: "In den ersten Tagen geschah nichts. Wir stiegen immer tiefer in das Fundament hinab und versuchten, durch unsere Kompasse auf den richtigen Weg zu kommen. Hier und da entdeckten wir Schriftzeichen und Symbole, die wir nicht verstanden. Soldat Jenkyns hat sie abgezeichnet." Palmer zog einen zerknitterten Umschlag aus dem Mantel und reichte ihn dem Inquisitor. Dieser öffnete ihn und blätterte schnell durch die Zeichnungen. Ob wohl er vieles erlebt hatte, befiel ihn ein ungutes Gefühl beim Anblick der krakeligen Zeichnungen. Sollte das, was Palmer entdeckt hatte, seine Kräfte übersteigen? Sorgfältig legte er den Umschlag zur Seite und befahl dem Leutnant, fortzufahren. "Nach ungefähr einer Woche stießen wir auf primitive Behausungen von Makropolgangern, die in die Tiefen von Labour-1 geflüchtet waren." Mit zitternden Fingern kramte Palmer ein zerknautschtes Päckchen Zigaretten hervor und zündete eine an. "Sie wagen es..." fuhr Miller auf, doch eine herrische Handbewegung des Inquisitors brachte ihn zum Schweigen.
"Bald darauf fanden wir die ersten Leichen. Männer, Frauen und Kinder. Sie... sie schienen mumifiziert zu sein. Doch wir fanden auch einige Körper, die regelrecht zerstückelt worden waren und aus deren Wunden noch Blut tropfte. Wir konnten keinerlei Kampfspuren finden und meine Männer wurden langsam unruhig. So schnell es ging befahl ich, abzurücken. Etwa einen halben Tag später fanden wir einen verletzten Überlebenden. Er kauerte an der Wand und murmelte vor sich hin. Mit seinem Blut hatte er zwei Zeichnungen auf den Boden vor ihm gemalt. Die eine zeigte das krude Bild eines Verräter-Marines, die andere ein klauenbewehrtes, formloses Ding. Eine Befragung zeigte, dass er wahnsinnig war. Das einzige was wir aus ihm herausbekommen haben war sein Name: Mike."
"Lebt er noch?" warf der Inquisitor ein. Oberst Miller nickte: "Ja, Sir. Er befindet sich im Lazarett." Der Inquisitor nickte zufrieden. Er würde sich noch eingehend mit dem Ganger beschäftigen. Palmer erzählte weiter: "Von diesem Zeitpunkt an hörten wir... Geräusche. Es war ein schlurfender, tappender Laut, so als ob uns jemand folgen würde. Obwohl wir Wachen postierten, starben bei jeder Rast bis zu zwei Männer. Sie wurden immer mumifiziert aufgefunden. Sie waren... blutleer. ich weiß nicht, was das für ein Ding war. Auf jeden Fall rannten wir nun durch die Korridore. Doch das half nichts. Das Ding war immer da. Mit der Zeit glaubten wir, rotglühende Augen in der Dunkelheit zu sehen und einige meiner Männer drehten durch. Sie rannten schreiend und schiessend in die Finsternis. Wir haben sie nie wieder gesehen. So ging das etwa eine Woche. Dann erreichten wir ein gewaltiges, stählernes Tor, das mit Zeichen und Symbolen des Adeptus Mechanicus übersät war. Dahinter befand sich ein heller Raum mit goldenen Wänden und seltsamen Maschinen. Vor einer goldenen Tür stand ein Podest, auf dem sich ein Buch befand. Wohin diese Tür führt, wissen wir nicht. Wir haben alles versucht, doch sie ließ sich nicht öffnen. Es war wie ein Rätsel. Wir sind dann umgekehrt und bei der letzten Gabelung haben wir einen anderen Weg eingeschlagen. Es war, dem Imperator sei dank, der Richtige." Palmer schwieg und zündete sich eine weitere Zigarette an. "Das Gefasel eines Wahnsinnigen, Inquisitor. Er versucht nur, seine Inkompetenz und den Verlust seiner Männer auf einem einfachen Rückzug zu vertuschen," sagte Miller in die Stille.
"Schweigen sie!" donnerte der Vertreter des Ordo Malleus. Miller wurde aschfahl und wand sich wie unter Schmerzen. "Sie haben nicht die geringste Ahnung, Oberst. Sie mögen gegen das Chaos kämpfen, doch sie verstehen es nicht. Wenn ich ihnen erzählen würde, was ich in meiner langen Dienstzeit alles gesehen habe, würden sie auf der Stelle wahnsinnig werden. Ich glaube Leutnant Palmer und ich habe gute Gründe dafür." Er machte eine Pause und fuhr dann fort: "Palmer, sie können gehen. Ich werde mich noch ein wenig mit Oberst Miller unterhalten." Der Leutnant erhob sich erleichtert und eilte aus dem Raum. Für einige Minuten war nur der rasselnde Atem des Inquisitors zu hören. "Oberst, ich brauche zehn ihrer besten Männer. Ausdauernd, kräftig und vor allem psychisch Belastbar müssen sie sein. Sorgen sie dafür, dass sie sich morgens hier einfinden. Punkt neun Uhr. Das wäre alles." Miller nickte und fragte: "Soll ich das Oberkommando informieren, damit sie Inquisitor Bartholomäus benachrichtigen können?" Der Inquisitor seufzte: "Nein. Bartholomäus braucht nicht zu wissen, dass ich hier bin. Und nun gehen sie."
Nachdem der Oberst gegangen war, schlug der Inquisitor seine Kapuze zurück. Sein Gesicht war die schreckliche Karikatur eines menschlichen Antlitzes. Die Haut war grau und faltig, seine Zähne waren spitz und die Eckzähne glichen eher Reißzähnen. Seine Augen schimmerten gelb und hatten eine senkrechte, schmale Iris. Auf seiner Stirn zeigten sich Ansätze zu zwei kleinen Hörnern. Dies war der Preis, den Inquisitor Flavius für seine Studien bezahlt hatte.
Er lehnte sich zurück und dachte nach. Das Adeptus Mechanicus wusste also um das Geheimnis. Das hatte er schon seit längerem vermutet. Wenn es nach ihm ginge, hätte er die Techadepten und ihren häretischen Glauben an den Maschinengott schon längst ausgerottet. Er fuhr sich über die Stirn. Im Moment war nur wichtig, dass Inquisitor Bartholomäus nichts von seiner Anwesenheit erfuhr. Bartholomäus war ein loyaler Anhänger, ein glühender Kämpfer des Imperators. Da ehrte ihn. Doch er war in den Augen von Flavius ein ignoranter Dummkopf, der sein Lebenswerk zerstören würde. Das würde er unter keinen Umständen zulassen. Flavius ließ Igor kommen und wies ihn an, den Ganger zu holen und auf die peinliche Befragung vorzubereiten. Nachdem sein Diener gegangen war, glomm ein beunruhigender Funke in seinen Augen auf und ein Lächeln umspielte seine deformierten Lippen. Morgen würde er seinem Ziel wieder ein Stück näher sein: Ein neuer Horus, mit den Kräften des Chaos ausgestattet. Doch diesmal zum Wohle der Menschheit.



Urheberrecht: Stefan Bernhard, 2002



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