Dust Falls

von Stefan Bernhard

"Doch, ich sag dir, so war es!" Georgie schüttelte den Kopf und grinste schief: "Natürlich. Die ganze Gang wird von einer Hundertschaft Arbitratoren gejagt, klaut das Ding aus dem Uphive, tötet nebenher rund einen Drittel der Gesetzeshüter und schaffst wieder zurück nach unten." Georgie kratzte sich am Kopf. "Niemand ist so gut, Ben."

Ben seufzte und nahm einen grossen Schluck aus seinem Humpen. Mit einem lauten Geräusch setzte er ihn wieder ab: "Und ob sie das sind. Oder denk doch nur mal an die Belagerung von Glow City!" Georgie zog eine Augenbraue hoch. "Was soll damit sein?" Erneut schüttelte Ben den Kopf. "Manchmal treibst du einen echt in den Wahnsinn, Brüderchen. Wer war es denn, der die Siedlung aus der Umklammerung der Scavvies entriss? Hm?" Georgie lachte leise. "Oh Ben. Jeder weiss, dass das ein Kreuzzug der Redemption gewesen ist." Ben schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn. "Du glaubst jeden Mist, was? Das ist nur die offizielle Version. Glaubst du, man würde einer Gang die Ehre überlassen, eine Siedlung befreit zu haben?" Umständlich zündete sich Georgie eine Zigarette an und bestellte ein neues Bier. Er rauchte eine Weile schweigsam, wandte sich dann aber wieder seinem Bruder zu. "Seit wann interessierst du dich überhaupt für diese Gang? Wie hiess sie denn noch mal?"

"Sumphole Scavengers," antwortete Ben. "Also, warum, Ben?" Ben hob die Schultern. "Weiss nicht. Ist halt interessant, was der alte Philipp so zu erzählen hat." Georgie hob eine Hand. "Moment mal. Philipp? So wie in Philipp-der-grösste-Säufer-von-Dust-Falls?" Ben nickte langsam und Georgie brach in schallendes Gelächter aus. "Hast du zuviel Pilzsporen eingeatmet, Brüderchen? Jedes Kind weiss doch, dass man Philipps Worten nicht zuviel Aufmerksamkeit schenken sollte." Ben schüttelte vehement den Kopf. "Das ist dummes Zeug, Georgie. Das weißt du. Warum sollte Phillip lügen?" Bens Bruder nahm einen Schluck aus seinem Glas und setzte es dann geräuschvoll ab. "Vielleicht für eine Flasche Schnaps oder ein paar Bier? Wie viel hast du ihm bezahlt, Ben? Wie viel?"

"Ich... ich weiss nicht. Hie und da einen Schnaps. Nicht viel, jedenfalls," antwortete Ben verlegen. "Aber trotzdem, ich glaube nicht, dass Philipp lügt." Georgie nickte. "Hm, mal angenommen, er lügt nicht. Woher weiss er das alles? War er dabei? Guck ihn dir doch mal an. Der ist doch keine zehn Meilen aus Dust Falls herausgekommen." Ben sagte nichts mehr. Er lehnte sich zurück und schaute sich nachdenklich um. Das "Gossip" war eine kleine aber gut besuchte Bar am Rand von Dust Falls. Es war Treffpunkt für Arbeiter, Farmer und Abenteurer gleichermassen, was oft zu Meinungsverschiedenheiten und Schlägereien führte. Vor allem wenn die Beteiligten mehr getrunken hatten, als gut für sie war. Die Türe öffnete sich und drei Männer in Tarnuniformen traten ein. Fahnenflüchtige Rekruten, die sich ins Downhive geflüchtet hatten um den Dienst in der Imperialen Armee zu entgehen. "Schau mal, Georgie, Ärger," flüsterte Ben und deutete mit dem Kopf auf die drei Männer. Georgie warf einen kurzen Blick auf die drei Männer und wandte sich wieder seinem Bruder zu. "Na toll. Bald wird es hier vor Arbitratoren und Armeepolizei nur so wimmeln. Ich kann die Kerle nicht ausstehen."

Eine schwere Hand fiel auf Georgies Schulter herab: "Meinst du uns damit, Kleiner?" Georgie warf einen Blick über seine Schulter. Die drei Soldaten hatten sich hinter ihm aufgebaut. Grosse, breitschultrige Schlägertypen. In ihren Augen funkelte die Streitlust. "N... nein. Ich meinte die Arbitratoren." Der Anführer der Soldaten kniff die Augen zusammen: "Netter Versuch, Kleiner." Georgie sah die Faust nicht kommen, aber sie traf ihn wie ein Dampfhammer. Sein Kopf wurde zur Seite geschleudert und er rutschte benommen von seinem Stuhl herunter. Blut floss aus seiner Nase. Aus den Augenwinkeln heraus sah er, wie Ben aufsprang und sich auf die Männer stürzen wollte, doch er hatte keine Chance. Einer der Soldaten packte ihn und hielt ihn fest, während im der andere das Knie in den Unterleib rammte. Stöhnend sackte Ben in sich zusammen.

"Du solltest besser auf deine Worte achten, Kleiner. Sonst bekommst du nur Ärger," sagte der Anführer leise und versetzte Georgie einen Tritt in die Magengrube. Vor Schmerz und Wut heulend schloss er die Augen. Dann hörte er ein leises, metallisches Klicken.

"Du solltest besser aufpassen, wen du hier unten anmachst. Wir mögen es nicht, wenn Abschaum wie ihr herunterkommt und unsere Leute angreift," sagte eine kalte Stimme. Langsam öffnete Georgie die Augen. Über ihm erhob sich der erstarrte Anführer der Soldaten. Neben ihm stand eine hagere, schwarz gekleidete Gestalt, deren Gesicht von einem Hut beschattet wurde. Sie hielt eine grosskalibrige Pistole in der Hand, die sie auf den Kopf des Soldaten gerichtet hatte. Seine beiden Kumpane liessen von Ben ab und wollten sich auf den Fremden stürzen, doch ein weiterer Mann kam ihnen zuvor. "Denkt nicht einmal daran," sagte sie mit tiefer Stimme. Georgie wandte den Kopf und sah einen langhaarigen Mann, der eine Schrotflinte auf die beiden Männer gerichtet hatte. Was zum Teufel war hier los?

"Ach kommt schon, wir wollten bloss ein bisschen Spass haben," sagte der Anführer unsicher. "Ich meine, wir stehen ziemlich unter Spannung. Das verstehst du doch, oder?" Der Mund des schwarz gekleideten Mannes verzog sich zu einem harten Lächeln. "Nein, das tue ich nicht. Seht ihr, wegen euch Schweinen werden bald hordenweise Arbitratoren und Militärpolizisten hier auftauchen und uns das Leben zur Hölle machen. Und wenn sie euch nicht finden, zwingen sie drei andere an eurer Stelle in den Dienst der Armee. Deshalb werden wir euch ausliefern." Der Anführer zuckte zusammen und wurde bleich. Georgie sah, wie sich seine Muskeln spannten, doch der Fremde kam ihm zuvor. Mit einer schnellen Bewegung schlug er dem Soldaten die Waffe ins Gesicht. Knochen knackten und Blut floss aus der Nase des Soldaten. "Denk nicht einmal daran," zischte der Fremde.

"Hey, lasst mir noch was übrig," sagte eine dritte Stimme, die Georgie vertraut vorkam. Er rappelte sich auf und erblickte Philipp, der hinzugetreten war. Doch anstatt seiner gewohnten zerlumpten Kleider trug er eine einfache, mattschwarze Plattenrüstung. Sein Bart wirkte nicht mehr verfilzt und schmutzig, sondern gepflegt. Er fasste sich an den Kopf. Träumte er das etwa nur? "Ganz ruhig, Phil. Wir werden die drei Jungs hier abliefern und uns noch ein nettes Sümmchen dazuverdienen," grinste der Langhaarige und rammte einem Soldaten den Kolben seiner Schrotflinte in die Magengrube. "Das wird sie lehren, friedliche Leute nicht mehr zu belästigen."

"Dazu werden sie wohl kaum mehr Gelegenheit haben," meinte Phil und kniete neben Ben hin. Er tätschelte ihm auf die Wange, bis dieser leise stöhnte. "Keine Sorge, Georgie, er wird es überleben." Georgie nickte stumm und hielt sich unsicher am Tisch fest.

"Sammy, wer soll die Jungs denn abliefern? Wir werden immer noch gesucht, nach all den Jahren," warf der langhaarige Mann ein. Der Fremde mit dem Hut nickte: "Stimmt, Chuck." Georgie räusperte sich: "Vielleicht... vielleicht könnten mein Bruder und ich das erledigen. Ihr habt uns schliesslich geholfen." Sammys graue Augen richteten sich auf Georgie. Unwillkürlich zuckte er zusammen. Sie waren so hart, so kalt. Wie Stahl. Sammy nickte leicht: "In Ordnung. Wir bringen sie zur Station der Arbitratoren."

Die Station war nicht weit und die beiden Brüder verschwanden mit den drei Soldaten im Inneren. "Können wir ihnen trauen?" fragte Chuck, als sie in einer dunklen Nebengasse warteten. "Wenn nicht, werden wir sie finden. Überall," meinte Sammy leise. Phil lachte leise auf: "Kommt schon, Jungs. Ich kenne die beiden, seit sie klein waren. Die sind grundehrlich. Arbeiten drüben bei Jonnys Reparaturwerkstätte." Sammy nickte. "Okay, Phil. Auf dein Wort." Die drei Männer warteten eine halbe Stunde schweigend, bis sie hörten, wie die Türe zu fiel. Langsam kamen sie aus der Seitengasse und traten auf die beiden Brüder zu. "Wie viel?" fragte Sammy leise. "Dreissigtausend," sagte Ben und hielt dem Anführer der Gang einen ledernen Beutel hin. Sammy ergriff ihn und verstaute ihn in einer Gürteltasche. "Besten Dank für die Hilfe, Jungs," sagte Phil und warf Sammy einen fragenden Blick zu. Dieser seufzte leise und griff erneut in die Tasche: "Okay, ihr habt euch euren Anteil verdient." Phil nickte zufrieden. Langsam zählte Sammy eine Summe ab und übergab sie Georgie. "Zehn Prozent. Das dürfte reichen," sagte er schliesslich und steckte den Beutel weg.

Ben räusperte sich. "Ich... ähm... ich wollte fragen, ob ich euch begleiten kann." Georgie fuhr herum. "Bist du verrückt? Wir haben gerade dreitausend Credits verdient! Das reicht für eine ganze Weile!" Ben schüttelte den Kopf. "Trotzdem..." Sammy hob eine Augenbraue und musterte Ben von oben nach unten. "Kannst du mit einer Waffe umgehen?" Ben nickte. "Wenn ein Kleinkalibergewehr als Waffe zählt, dann ja." Chuck schüttelte den Kopf. "Ich weiss nicht recht, Sammy. Er ist noch so verdammt jung. Ausserdem kann ein Kleinkalibergewehr wohl nicht als Referenz dienen, oder?" Phil lachte leise. "Ach kommt schon. Wir waren auch mal jung, wisst ihr noch? Ich finde, wir solltens probieren. Etwas frisches Blut kann doch nicht schaden." Chuck grunzte etwas, doch Sammy nickte plötzlich. "Du hast recht, Phil. Und wenn sie nichts taugen, können wir sie immer noch irgendwo sitzen lassen." Bei der letzten Bemerkung war Ben blass geworden. "Moment mal. Ich lasse meinen kleinen Bruder nicht im Stich", sagte Georgie. "Wenn er mitkommt, komme ich auch mit."

"So sei es. Willkommen bei den Sumphole Scavengers", sagte Phil feierlich. Die beiden anderen Männer nickten zustimmend. "Gehen wir", sagte Sammy und setzte sich an die Spitze der Gruppe.

"Äh, wenn die Frage erlaubt ist, wohin gehen wir?" fragte Ben. Sammy lachte leise auf und den beiden Brüdern fuhr ein kalter Schauer den Rücken hinab: "Nach unten, Jungs. Nach unten."




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